Jenseits des Verlangens
Eine Entgegnung von Barry Long
Von Barry Long
Sie haben mich gebeten, einen Romanauszug des indischen Psychoanalytikers Sudhir Kakar zu kommentieren, der die Geschichte des berühmten Kamasutra erzählt. Ich weiss die Wahrheit des Kamasutra. Und ich werde keinen Roman darüber lesen; schon gar nicht von einem Psychoanalytiker, sei er Inder oder Nichtinder. Aber Sie haben mir aus dem Roman einige Hinweise gegeben, die hinreichen, um Ihnen und Ihren Lesern die Wahrheit zu sagen. Romane sind nicht die Wahrheit; der Autor muss für das, was er sagt, keine Verantwortung übernehmen. Die Wahrheit kann nur anhand eigener Erfahrung geschrieben und gesagt werden.
Es ist nicht weise, in unserer modernen, verwestlichten Gesellschaft das Schlagen und Beissen beim Liebesakt zu propagieren. Das Kamasutra entstand vor vielen Jahrhunderten als spiritueller Ausdruck wahrer Liebe zwischen Menschen, die ein intimes Wissen vom Sein Gottes hatten, des Unbeschreiblichen in uns. Grundlage dieses Wissens war, dass beim wahren Liebesakt zwischen Mann und Frau Gott durch das Fleisch Gott liebte. Dabei wurde die problembeladene Person und das Individuum aus dem Akt eliminiert. Dies kann kaum von unserer modernen Gesellschaft gesagt werden, die hauptsächlich von Sex und Individualität besessen ist. Der Lauf der Zeit hat in den menschlichen Affären den Körper verhärtet, die Sinne abgestumpft und wahres spirituelles Wissen (Gnosis) durch nutzlose und immer wechselnde Informationen ersetzt.
Mein Wissen ist, dass es der Sinn des Liebesaktes ist, die tierische Natur zu modifizieren und schliesslich zu transformieren, nicht ihr und ihren Süchten zu dienen. Wir müssen uns nicht darum kümmern, «der animalischen Seite des Liebens unsere Anerkennung zu zollen». Dies geschieht zur Genüge durch ungeschickte und herumexperimentierende Jugendliche und später durch den «reifen», erwachsenen Liebhaber, der nach wie vor die Befriedigung der animalischen Natur zu seinem Götzen macht.
Aber sind wir denn nur Tiere? Sind wir nicht etwas Anderes, das in so vielfältiger Weise gegen den animalischen Instinkt in uns allen ankämpft? Legt das nicht eine profundere Bewegung nahe? Vielleicht ein fundamentales Streben zurück zum ursprünglichen Wissen der Kamasutra-Menschen, die beim Liebesakt keine Scham kannten und nicht heimlich etwas Persönliches in ihn hineintrugen, weil alles für die Schönheit des Liebens hingegeben wurde. Nach den experimentellen Jahren und der Stufe des reifen Liebhabers dürfen wir uns nicht weiter in die Sinne verstricken, sondern müssen sie entmaterialisieren. Dies geschieht durch Liebe. Und letztlich durch die Liebe des Mannes für das weibliche Prinzip in der Frau. Er muss seine Lippen entmaterialisieren, indem er die Frau bewusst überall küsst und nicht nur ihre intimen Bereiche; gleichzeitig atmet er tief ihre feinen weiblichen Emanationen ein, welche die Nase nicht riechen kann. Es darf dabei keine sexuellen Bilder, keine Fantasien geben, kein Sicherregen, kein «Wissen» davon, was du tust; nur das Tun, ohne Gedanken oder Interpretation. (Der Akt des Tuns ohne Interpretation, ohne ein Ziel erreichen zu wollen, ist die seltenste spirituelle Lebensform.) Der Sinn dieses göttlichen Liebens ist einfach, das zu geniessen, was jetzt da ist. Das Resultat ist nicht sinnlich, nicht denkwürdig, das heisst, es kann nicht erinnert werden, aber es ist nie vergessen, weil es den Geist in den Sinnen erweckt.
Der Tastsinn muss auch transformiert werden, und zwar durch das liebende Umarmen und Streicheln ohne sexuelles Sicherregen. Aus den Fingern, den Händen und letztlich dem ganzen Körper muss das Grapschen und die Ungeduld herausgenommen werden. Wieder wird dabei der wunderbare Zustand der Abwesenheit irgendeiner Absicht wirklich, ausser der, einfach zu lieben und die Subtilität dessen, was da ist, zu geniessen.
Die Frau tut genau dasselbe bei der Transformation ihrer Sinne. Sie muss ihre Liebe des männlichen Prinzips, nicht des Mannes, verwirklichen. Denn das Weibliche in der Frau und das Männliche im Mann sind von Gott geschaffen. Der Mann und die Frau dagegen sind von der Zeit und der Erfahrung geschaffen. Schliesslich wird, nach vielen Jahren des partnerschaftlichen Liebens in der Art, wie ich es zu beschreiben versucht habe, die Sterblichkeit des tierischen Anteils überwunden in der reinen Bewusstheit der Liebe, beziehungsweise Gottes.
Barry Long ist ein spiritueller Lehrer, dessen Lehre alle Bereiche des spirituellen Lebens abdeckt, unter anderem Beziehungen und körperliche Liebe. Sein Buch «Making Love - Sexual Love the Divine Way» ist in fünf Sprachen übersetzt worden, darunter auch ins Deutsche («Sexuelle Liebe auf göttliche Weise», ISBN 3-00-003954-6). Übersetzung dieses Beitrags: Ulrich Leske, Bearbeitung:. Stephan Strieck. Kontakt: Terra Versand, Postfach 700155, D-79055 Freiburg im Breisgau, Tel./Fax 0049/7821 92 58 15
